
Öl, Acryl, Aquarell, Gouache und Tempera erklärt
Jede Malfarbe ist farbiges Pulver in einem Bindemittel. Erfahren Sie, wie Ei, Öl, Gummi arabicum und Polymer das Aussehen eines Bildes prägen und wie Sie sie unterscheiden.
Ein Museumsschild mit der Angabe „Öl auf Leinwand“ oder „Tempera auf Holz“ ist kein bloßer Verwaltungsvermerk. Es verrät Ihnen, wie das Gemälde entstanden ist, wie es gealtert ist und warum es so aussieht, wie es aussieht. Sobald Sie die fünf großen Malmedien kennen, erkennen Sie den Unterschied schon vom anderen Ende des Raums. Hier finden Sie einen klaren Leitfaden dazu, was jedes von ihnen ist, woher es stammt und was es für das Werk an Ihrer Wand bedeutet.
Pigment plus Bindemittel, das Grundrezept
Jede Malfarbe hat zwei Hauptbestandteile. Das ist die Farbe selbst, ein feines Pulver aus Erden, Mineralien oder synthetischen Verbindungen. Das ist der Leim, der die Teilchen zusammenhält und auf dem Untergrund festhält.
Das Bindemittel bestimmt fast alles: wie schnell die Farbe trocknet, ob sie glänzend oder matt, transparent oder deckend, elastisch oder spröde ist. Dasselbe blaue Pigment sieht in Eigelb, Leinöl oder Gummi arabicum ganz unterschiedlich aus. Auch die Fläche darunter, der sogenannte Bildträger, spielt eine Rolle, ob Holztafel, Leinwand oder Papier.

Eitempera, das Medium vor dem Öl
Jahrhundertelang banden europäische Maler ihre Pigmente mit Eigelb. Tempera trocknet innerhalb von Minuten, daher lassen sich die Farben auf dem Bild nicht nass ineinander vermalen. Stattdessen bauen die Maler die Form mit vielen feinen, schraffierten Strichen nebeneinander auf. Ein Malerhandbuch, das Cennino Cennini um 1400 verfasste, beschreibt das Verfahren ausführlich.
Tempera wurde meist auf Holztafeln gemalt, die mit grundiert waren, einem glatten weißen Grund aus Kreide oder Gips mit tierischem Leim, oft neben Blattgold. Sandro Botticellis Die Geburt der Venus, um 1485 gemalt und heute in den Uffizien in Florenz, ist eine berühmte Tempera auf Leinwand. Die Wirkung reicht von matt bis zart seidig, mit klaren, kühlen Farben, die sich im Lauf der Zeit kaum verändert haben.
Ölfarbe und ihre langsame Tiefe
Ölfarbe bindet Pigment in einem trocknenden Öl, meist Leinöl. Sie trocknet nicht durch Verdunstung, sondern durch eine langsame Reaktion mit dem Sauerstoff der Luft. Maler in den Niederlanden verfeinerten die Technik im 15. Jahrhundert, ihr berühmtester Meister war Jan van Eyck. Die alte Legende, er habe die Ölmalerei erfunden, ist eine zu starke Vereinfachung: Öl war schon früher verwendet worden, doch er hob es auf eine neue Stufe, wie seine Arnolfini-Hochzeit von 1434 in der National Gallery in London zeigt.
Weil Öl lange bearbeitbar bleibt, lassen sich Farben weich ineinander vermalen. Dünne, transparente Schichten, sogenannte Lasuren, lassen das Licht eindringen und wieder zurückstrahlen, was den Gemälden alter Meister ihr inneres Leuchten verleiht. Die Farbe lässt sich auch dick als auftragen, sodass jeder Pinselstrich aus der Oberfläche hervortritt. In den folgenden Jahrhunderten löste die Leinwand nach und nach die Holztafel als üblichen Bildträger ab.
Öl ist langsam. Eine Schicht ist meist nach einigen Tagen berührungstrocken, härtet aber noch monatelang nach, weshalb ein traditioneller Firnis erst aufgetragen wird, wenn die Farbe vollständig durchgetrocknet ist. Leinöl vergilbt zudem mit dem Alter leicht, und viele alte Ölgemälde zeigen ein feines Netz von Rissen, das man nennt.
Acryl, der Neuling des 20. Jahrhunderts
Acrylfarbe bindet Pigment in einer synthetischen Polymeremulsion. Solange sie nass ist, lässt sie sich mit Wasser verdünnen, dann trocknet sie zu einem elastischen, wasserfesten Film. Mexikanische Wandmaler experimentierten in den 1930er-Jahren mit Kunstharzen, und wasserbasierte Acrylfarben für Künstler kamen in den 1950er-Jahren auf den Markt. Viele Maler der 1960er-Jahre nutzten sie für große Flächen reiner, flacher Farbe.
Acryl trocknet in Minuten, sodass Künstler schnell arbeiten und eine Partie fast sofort übermalen können. Verdünnt kann es Aquarell nachahmen, dick aufgetragen Öl, wobei die Farben meist etwas dunkler auftrocknen, weil das milchige Bindemittel klar wird. Die fertige Oberfläche hat in der Regel einen gleichmäßigen, leicht künstlichen Schimmer, und sie vergilbt nicht so, wie altes Öl es tut.
Aquarell und Gouache, die Wasserfarben
Aquarellfarbe verbindet Pigment mit Gummi arabicum, einem natürlichen Gummi aus Akazien, und wird mit Wasser verdünnt. Sie ist transparent, sodass das Weiß des Papiers zum Licht im Bild wird. Selbst trocken lässt sie sich mit einem feuchten Pinsel wieder anlösen. Albrecht Dürers Feldhase von 1502, in Aquarell und Gouache gemalt, gehört der Albertina in Wien und wird nur selten gezeigt, weil Papier und Pigment so lichtempfindlich sind.
Gouache verwendet dasselbe Bindemittel, aber weit mehr Pigment, manchmal mit einem Zusatz von Kreide oder Weiß. Das Ergebnis ist deckend, flächig und samtig matt, ideal für klare Formen, weshalb Illustratoren und Gestalter sie lieben. Gouache kann sich beim Trocknen leicht im Ton verändern, und dicke Schichten können reißen, weil der getrocknete Gummi spröde ist.
Ein Medium erkennen, und was es für die Pflege bedeutet
Beginnen Sie mit dem Schild oder der Rechnung: Zuerst steht das Medium, dann der Bildträger, etwa „Acryl auf Leinwand“ oder „Gouache auf Papier“. Schulen Sie dann Ihr Auge mit einigen Hinweisen:
- Öl: Tiefe und Leuchtkraft, weiche Übergänge, sichtbare Farbgrate und bei älteren Werken ein feines Netz aus Rissen.
- Acryl: gleichmäßiger Schimmer, scharfe Kanten und leuchtende, flache Flächen, selten gerissen.
- Tempera: matte Oberfläche, feine schraffierte Striche, oft auf Holztafel und manchmal mit Gold.
- Aquarell: transparente Lavierungen, durch die das Papier leuchtet, und weiche Ränder, wo nasse Farbe auf nasses Papier traf.
- Gouache: flache, deckende Farbe mit kreidig matter Oberfläche, meist auf Papier oder Karton.
Die Pflege richtet sich nach dem Medium. Öl- und Acrylgemälde auf Leinwand hängen meist ohne Glas, fern von Heizkörpern und direkter Sonne. Aquarelle und Gouachen sind Arbeiten auf Papier und brauchen Schutz: säurefreie Passepartouts, UV-filterndes Glas und sanftes Licht. Lassen Sie sich beim Kauf Medium und Bildträger schriftlich bestätigen und fragen Sie, ob ein Öl- oder Acrylgemälde gefirnisst wurde.
Begriffe in diesem Artikel
- Bindemittel
- Der Stoff, etwa Eigelb, Leinöl, Gummi arabicum oder Acrylpolymer, der die Pigmentteilchen zusammenhält und auf einem Untergrund festhält.
- Pigment
- Das fein gemahlene farbige Pulver in der Malfarbe, gewonnen aus Erden, Mineralien oder synthetischen Verbindungen.
- Gesso
- Ein glatter weißer Grund aus Kreide oder Gips mit tierischem Leim, traditionell zur Vorbereitung von Holztafeln für die Malerei verwendet.
- Impasto
- Farbe, die so dick aufgetragen ist, dass Pinsel- oder Spachtelspuren aus der Oberfläche hervortreten.
- Krakelee
- Das feine Netz aus Rissen, das sich mit der Zeit in den Farb- und Firnisschichten älterer Gemälde bildet.
Leser fragen
Kann man Öl und Acryl allein durch Hinsehen unterscheiden?
Oft, aber nicht immer. Öl hat meist mehr Tiefe, weichere Übergänge und bei älteren Werken feine Risse, während Acryl einen gleichmäßigen Schimmer und scharfe Kanten zeigt. Heutige Maler können jedes Medium wie das andere aussehen lassen, daher geben das Schild, die Rechnung oder die Beschreibung des Künstlers die verlässliche Antwort. Wenn es wirklich darauf ankommt, kann ein Restaurator das Medium bestimmen.
Warum werden Aquarelle in abgedunkelten Räumen gezeigt?
Aquarell und Gouache liegen auf Papier, mit sehr wenig Bindemittel zum Schutz des Pigments, sodass Licht die Farben mit der Zeit ausbleichen und das Papier vergilben lassen kann. Museen zeigen Arbeiten auf Papier deshalb bei geringer Beleuchtung und nur für begrenzte Zeit und lassen sie danach im Depot ruhen. Hängen Sie sie zu Hause fern von direkter Sonne auf und rahmen Sie sie mit UV-filterndem Glas.
Brauchen Ölgemälde einen Firnis?
Traditionell ja. Ein Firnis gleicht die Oberfläche aus, lässt die Farben satter wirken und schützt die Malschicht vor Staub und Schmutz, und ein Restaurator kann ihn abnehmen und erneuern. Aufgetragen wird er erst, wenn die Farbe vollständig ausgehärtet ist, oft viele Monate nach der Fertigstellung. Manche zeitgenössischen Maler verzichten bewusst auf einen Firnis, fragen Sie also nach, wenn Sie ein neueres Werk kaufen.


