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Ein frischer Radierabzug wird an einer Radierpresse von einer eingefärbten Kupferplatte abgehobenKI-generiert

Kunst & Design

Holzschnitt, Radierung, Lithografie und Siebdruck, Druckgrafik erklärt

Ein Originaldruck ist keine Kopie eines Gemäldes. So funktionieren die vier Familien der Druckgrafik, und so unterscheiden Sie sie mit einer einfachen Lupe.

4 Min. Lesezeit30. Oktober 2026

Viele Menschen nehmen an, ein Druck sei die Kopie von etwas anderem. In der Kunst ist eine Originalgrafik ein eigenständiges Werk. Der Künstler schafft ein Bild auf einer , die ein Holzblock, eine Metallplatte, ein Stein oder ein Sieb sein kann, und zieht davon eine Reihe von Abzügen auf Papier ab. Jeder Abzug ist ein Original, und jede Technik hinterlässt ihre eigenen Fingerabdrücke. Dieser Leitfaden erklärt die wichtigsten Verfahren und zeigt Ihnen, wie Sie sie erkennen.

Vier Familien, eine einfache Frage

Die Techniken der Druckgrafik lassen sich in vier Familien einteilen, und eine einzige Frage ordnet sie: Wo sitzt die Farbe auf der Druckform? Sie kann auf der erhabenen Oberfläche sitzen, in Vertiefungen unter der Oberfläche, auf einer völlig ebenen, chemisch behandelten Fläche, oder sie wird durch eine Schablone gedrückt.

Makroaufnahme eines dicken Pinselstrichs in Öl, Ultramarin wird auf Leinen in Kadmiumrot gezogenKI-generiert
Makroaufnahme eines dicken Pinselstrichs in Öl, Ultramarin wird auf Leinen in Kadmiumrot gezogen

Hochdruck, vom Holzschnitt zum Linolschnitt

Beim Holzschnitt schneidet der Künstler mit Messern und Hohleisen alles aus einem Holzbrett heraus, was weiß bleiben soll. Die Farbe wird über die erhabenen Teile gewalzt, Papier wird aufgelegt und von Hand oder in einer Presse angedrückt. Der Holzschnitt gehört zu den ältesten Druckverfahren, und in Europa blühte er ab dem 15. Jahrhundert auf. Albrecht Dürers Apokalypse, eine 1498 veröffentlichte Folge von fünfzehn Holzschnitten, zeigte, wie viel Dramatik und Detail die Technik fassen kann.

In Japan erreichte der Holzschnitt eine andere Art von Vollendung. Katsushika Hokusais Die große Welle vor Kanagawa, datiert 1831, stammt aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji. Sie war Gemeinschaftsarbeit: Der Künstler lieferte den Entwurf, ein Holzschneider schnitt die Druckstöcke, ein Drucker trug die Farben auf, für jede Farbe einen Stock, und ein Verleger finanzierte und verkaufte die Blätter. Tausende Abzüge entstanden, weshalb Museen in aller Welt Exemplare desselben berühmten Bildes besitzen.

Der Linolschnitt funktioniert genauso, aber auf Linoleum, das weicher ist und keine Maserung hat. Künstler nutzten ihn spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Pablo Picasso zeigte, dass sich ein Farbdruck von einer einzigen Platte drucken lässt: eine Farbe drucken, mehr von der Platte wegschneiden, die nächste Farbe darüberdrucken und so weiter, bis von der Platte nur noch wenig übrig ist.

Tiefdruck, Linien unter der Oberfläche

Der Fachbegriff Intaglio kommt vom italienischen Wort für Einschneiden. Das Bild wird in eine Metallplatte geschnitten oder geätzt, meist aus Kupfer oder Zink. Die Farbe wird in die Linien eingerieben, die Oberfläche wird blank gewischt, und feuchtes Papier wird unter hohem Druck in die Linien gepresst. Die Kante der Platte hinterlässt im Papier ein eingeprägtes Rechteck, den .

  • Kupferstich: Ein scharfes Werkzeug, der Grabstichel, wird durch das Metall geschoben und erzeugt Linien, die an- und abschwellen. Dürers Melencolia I von 1514 ist ein berühmtes Beispiel.
  • Radierung: Die Platte wird mit einem säurefesten Ätzgrund überzogen, der Künstler zeichnet mit einer Nadel hindurch, und Säure ätzt die freigelegten Linien. Rembrandt schuf fast 300 Radierungen, darunter das Hundertguldenblatt von etwa 1648.
  • : Feines Harzpulver wird auf die Platte aufgeschmolzen, und die Säure ätzt um die Körnchen herum, sodass Tonflächen statt Linien entstehen. Francisco Goyas Los Caprichos, 1799 veröffentlicht, verbinden auf 80 Blättern Radierung und Aquatinta.
  • Kaltnadel: Der Künstler ritzt die Platte direkt mit einer Nadel und wirft dabei einen feinen Metallwulst auf, den sogenannten , der Farbe hält und eine weiche, samtige Linie ergibt. Der Grat nutzt sich schnell ab, daher sind nur wenige satte Abzüge möglich.

Lithografie und Siebdruck

Die Lithografie beruht auf einer einfachen Tatsache: Fett und Wasser stoßen einander ab. In den 1790er-Jahren entwickelte Alois Senefelder in Bayern ein Verfahren, bei dem mit fetthaltiger Kreide oder Tusche auf feinkörnigen Kalkstein gezeichnet wird. Der Stein wird angefeuchtet, und die fetthaltige Druckfarbe haftet nur an den bezeichneten Stellen. Weil die Oberfläche eben ist, hat eine Lithografie keinen Plattenrand, und die Farbe liegt glatt auf dem Papier. Später ersetzten Metallplatten teilweise den Stein, und die Farblithografie ermöglichte die kühnen Plakate des späten 19. Jahrhunderts.

Beim Siebdruck, auch Serigrafie genannt, wird die Farbe mit einer Rakel, einer Gummiklinge, durch ein feines, auf einen Rahmen gespanntes Gewebe gedrückt. Eine Schablone deckt die Stellen ab, die frei bleiben sollen, und jede Farbe braucht ein eigenes Sieb. Fotografische Schablonen machten es möglich, Fotografien auf das Sieb zu übertragen, und 1962 begann Andy Warhol, damit Bilder von Prominenten und Konsumgütern zu wiederholen. Der Siebdruck ergibt flache, intensive Farbe mit scharfen Kanten.

Giclée, und wie Sie einen Druck mit der Lupe lesen

Das Wort wurde Anfang der 1990er-Jahre nach einem französischen Verb für sprühen geprägt, um hochwertige Tintenstrahldrucke zu bezeichnen. Viele Giclées sind Reproduktionen von Gemälden oder Zeichnungen. Sie können schön sein, doch sie entstehen mit einem Drucker aus einer digitalen Datei, nicht durch den Künstler, der einen Stock, eine Platte, einen Stein oder ein Sieb bearbeitet. Manche Künstler schaffen digitale Werke, die von Anfang an als Tintenstrahldrucke gedacht sind, und das ist etwas anderes. Fragen Sie immer, welches von beiden Sie vor sich haben.

Eine kleine Lupe mit etwa zehnfacher Vergrößerung verrät sehr viel:

  • Ein regelmäßiges Muster winziger Punkte, oft in Rosetten, deutet auf eine fotomechanische Reproduktion wie einen Offsetdruck hin.
  • Ein feiner, unregelmäßiger Sprühnebel sehr kleiner Punkte in wenigen Farben spricht für einen Tintenstrahldruck.
  • Ein Plattenrand um das Bild und Farbe, die leicht erhaben auf dem Papier steht, weisen auf Tiefdruck hin.
  • Farbe, die zu den Rändern der Formen hin gedrückt ist, und eine leichte Prägung auf der Rückseite sprechen für Hochdruck.
  • Flache Farbe mit weicher Körnung und ohne Plattenrand ist typisch für die Lithografie.
  • Dicke, flache, deckende Schichten mit scharfen Kanten lassen auf einen Siebdruck schließen.

Begriffe in diesem Artikel

Druckform
Der Block, die Platte, der Stein oder das Sieb, auf dem ein Künstler das Bild anlegt und von dem die Abzüge gedruckt werden.
Plattenrand
Das eingeprägte Rechteck, das die Kante einer Metallplatte beim Tiefdruck im Papier hinterlässt.
Grat
Der Metallwulst, der neben einer Kaltnadellinie aufgeworfen wird, Farbe hält und eine weiche, samtige Spur ergibt.
Aquatinta
Ein Tiefdruckverfahren, bei dem Säure um feine Harzkörner auf einer Platte ätzt und so Tonflächen erzeugt.
Giclée
Bezeichnung für hochwertige Tintenstrahldrucke, Anfang der 1990er-Jahre nach einem französischen Verb für sprühen geprägt.

Leser fragen

Ist eine Giclée ein Originaldruck?

Im traditionellen Sinn meist nicht. Eine Giclée ist ein hochwertiger Tintenstrahldruck, und viele sind Reproduktionen bestehender Gemälde oder Zeichnungen. Manche Künstler schaffen jedoch digitale Werke, die für genau diesen Druck gedacht sind, und diese können als originale Digitaldrucke gelten. Fragen Sie den Verkäufer genau, was das Bild ist, wie es entstanden ist und ob der Künstler die Auflage überwacht und signiert hat.

Warum werden Originalgrafiken mit Bleistift signiert und nummeriert?

Es ist seit Langem üblich, dass Künstler jeden Abzug unter dem Bild von Hand mit Bleistift signieren, als Zeichen, dass sie ihn freigeben. Die Nummer, etwa 12/50, nennt den einzelnen Abzug und die Gesamtgröße der Auflage. Eine von der Platte mitgedruckte Signatur erscheint dagegen automatisch auf jedem Blatt und sagt viel weniger über die Beteiligung des Künstlers aus.

Was ist der Unterschied zwischen Holzschnitt und Linolschnitt?

Beide sind Hochdrucke, gedruckt von der erhabenen Oberfläche eines Stocks oder einer Platte. Ein Holzschnitt wird in ein Holzbrett geschnitten, sodass sich die Maserung im Druck zeigen kann und die Linien oft etwas kantig wirken. Linoleum hat keine Maserung und ist weicher, was glatte Kurven und große, flache Farbflächen erlaubt. Im Druck selbst kann der Unterschied fein sein.

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